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Joint Basic Research Related to Infant Mental Health:
Communication, Intuitive Parenting



Analysen und Grundlagen der intuitiven elterlichen Kommunikationsfähigkeiten


Auszüge aus:

Papoušek, M. (2006). Adaptive Funktionen der vorsprachlichen Kommunikations- und Beziehungserfahrungen. Frühförderung interdisziplinär 25: 14–25

Papoušek, M. (2001). Intuitive elterliche Kompetenzen: Eine Ressource in der präventiven Eltern-Säuglings-Beratung und -Psychotherapie. Frühe Kindheit. Zeitschrift der Deutschen Liga für das Kind, 4 (1), 4–10.


... Was ist mit dem Konzept der intuitiven elterlichen Kompetenzen, des intuitive parenting, gemeint, im Unterschied etwa bzw. in Ergänzung zu dem bindungstheoretischen Konzept der mütterlichen Feinfühligkeit?


Neue Dimensionen im Verständnis der elterlichen Feinfühligkeit

Wichtige Aufschlüsse über die Rolle des elterlichen Verhaltens in den frühen Bindungsbeziehungen sind der Bindungsforschung zu verdanken, die ihre Aufmerksamkeit vor allem auf ein überlebenswichtiges, biologisch verankertes Grundbedürfnis des Säuglings ausrichtet: das Bedürfnis nach Schutz, emotionaler Sicherheit und Nähe im Rahmen einer vertrauten, verlässlichen Bindungsbeziehung, einem phylogenetisch alten Bedürfnis, das der menschliche Säugling mit seinen nächsten Verwandten im Tierreich teilt. Die angeborenen, in Belastungs- und Gefährdungssituationen aktivierten Bindungssignale des Babys – Rufen, Schreien, Anklammern, Folgen, Nähe suchen – lösen auf Seiten der sozialen Umwelt komplementäre angeborene Verhaltensbereitschaften aus, die dem Baby durch Zuwendung, Körperkontakt und Beruhigungsstrategien prompt und angemessen Schutz und Sicherheit geben. Mary Ainsworth, die ‚Mutter der Bindungsforschung‘, hat neben Akzeptanz, Kooperation und Verfügbarkeit die Feinfühligkeit als wichtigstes Merkmal des elterlichen Fürsorgeverhaltens herausgestellt, die sie zutreffend als die Fähigkeit umschreibt, die Bindungssignale des Babys wahrzunehmen, richtig zu interpretieren und prompt und angemessen zu beantworten (1977).


Die intuitiven elterlichen Kommunikationsfähigkeiten in der vorsprachlichen Kommunikation

Die Prager Lernstudien von Hanuš Papoušek der fünfziger und sechziger Jahre gaben Anfang der siebziger Jahre den Anstoß, die natürlichen Lernbedürfnisse des Säuglings im Zwiegespräch mit seinen Eltern unter die Lupe zu nehmen und damit den artspezifischen Geheimnissen des elterlichen Verhaltens beim Menschen auf die Spur zu kommen. Die experimentelle Lernforschung hatte gezeigt, dass der Säugling von Geburt an fähig ist, seine dingliche und soziale Umwelt mit allen Sinnen wahrzunehmen, zu begreifen, aktiv auf sie einzuwirken und selbstwirksam mit ihr Beziehung aufzunehmen. Die rasch wechselnden affektiven Befindlichkeiten des Säuglings im Ablauf seiner Erfahrungsintegration waren für die Untersucher im gesamten Verhalten ablesbar: als soziale Signale seiner jeweiligen Aufnahmebereitschaft, Aufmerksamkeit, Ermüdung, affektiven Erregung, Belastung oder Überforderung (Papoušek, H. & Papoušek, M., 1984).

Mit Hilfe videogestützter Verhaltensbeobachtung und Mikroanalysen von „Zwiegesprächen“ zwischen Mutter/Vater und Baby gelang es Schritt für Schritt, die Besonderheiten der vorsprachlichen Kommunikation und ihrer adaptiven Funktionen zu entschlüsseln. So ließ sich aufdecken, was der bewussten Wahrnehmung der Eltern gewöhnlich entgeht und was lange der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit entgangen war: Das intuitiv gesteuerte elterliche Verhalten in Stimme, Sprechweise, Mimik und Körpersprache ließ erstaunliche kommunikative und quasi frühpädagogische Fähigkeiten erkennen, als verfügten sie über ein genuines Knowhow, ein intuitiv gesteuertes implizites Beziehungswissen, wie man den Säugling beruhigt, anregt, die Anregungen angemessen dosiert, wie man sich in Sprache, Mimik und Gestik verständlich und voraussagbar macht und wie man sich dabei von den Signalen der Aufnahmebereitschaft und Belastbarkeit des Kindes leiten lässt. Einen methodisch wichtigen Beitrag gaben dazu die akustisch messbaren Analysen der stimmlichen Kommunikation: der kindlichen Vokalisation im Wechselspiel mit musikalischen Elementen der elterlichen „Ammensprache“ (M. Papoušek, 1994).

Als hätten die Eltern über die Ergebnisse der Prager Lernstudien gehört oder gelesen, gelingt es ihnen, aus den subtilen Signalen der kindlichen Körpersprache abzulesen, welche Rahmenbedingungen das Baby braucht, um seine Erfahrungen im Interaktionskontext gut zu integrieren:

(1) vereinfachte, prototypische Verhaltensformen in Mimik, Stimme und Berührung, mit häufigen Wiederholungen in langsamem Tempo und regelmäßigen Pausen, mit denen sich die Eltern dem Baby „verständlich“ machen;

(2) Berücksichtigung des allgemeinen Verhaltenszustandes in Bezug auf Aufnahmebereitschaft, Erregungsniveau, Ermüdung oder Überlastung;

(3) feinfühlige Responsivität als Fähigkeit und Bereitschaft, sich im Antworten und Anregen von den kindlichen Signalen leiten zu lassen und damit auf Aufnahmebereitschaft, Erregungsniveau, Befindlichkeit oder Ermüdung des Babys abzustimmen, auf seine perzeptiven und integrativen Fähigkeiten und Grenzen, auf seine momentanen Vorlieben, Initiativen, Absichten und Bedürfnisse; und

(4) Gestaltung von Zwiegespräch und Spiel im Sinne eines kontingent abgestimmten Bezugsrahmens zum selbstwirksamen Erproben und Einüben der reifenden Fähigkeiten zur Selbstregulation, Erfahrungsintegration und stimmlichen Kommunikation.


Adaptive Funktionen der intuitiven elterlichen Kompetenzen

Sucht man nach den natürlichen Bedingungen im Alltag, in denen die elterlichen Kompetenzen an der Erfüllung der psychobiologischen Grundbedürfnisse und Bewältigung von Anpassungs- und Entwicklungsaufgaben des Babys beteiligt sind, so stößt man unweigerlich auf die vorsprachliche Kommunikation in den Eltern-Kind-Interaktionen, die gewissermaßen die alltägliche Arena darstellen – beim Stillen, Füttern, Beruhigen und Schlafenlegen, beim Wickeln, Zwiegespräch und Spiel –, in der die Kompetenzen von Kind und Eltern aufgrund ihrer psychobiologischen Prädispositionen auf einzigartige Weise (im Sinne einer Co-regulation) zusammenwirken. Die Kommunikation erfüllt damit eine Reihe adaptiver Funktionen.

Die wichtigsten Anpassungs- und Entwicklungsaufgaben der frühen Kindheit werden gemeinsam reguliert und gemeistert: Nahrungsaufnahme, Schlaf-Wach-Organisation und affektive Verhaltensregulation ebenso wie die Regulation von Aufmerksamkeitsprozessen, der Aufbau einer gemeinsamen Erfahrungswelt und Sprache, das selbstinitiierte Lernen im Spiel, und die empfindliche Balance zwischen Bindungssicherheit und Exploration, Nähe und Distanz, Abhängigkeit und Autonomie. Diese alltäglichen Kommunikationserfahrungen bilden zugleich für das Baby und die Eltern die Grundlage von Bindung, Beziehung und Individuation.


„Engelskreise“ intersubjektiver Verbundenheit im Zwiegespräch

Im fein abgestimmten Zusammenspiel der kindlichen und elterlichen Kommunikationsbereitschaften, im Spiegeln und Gespiegelt werden entstehen Augenblicke einer frühen emotionalen Verbundenheit, Grunderfahrungen, deren Besonderheiten in der Literatur mit Metaphern wie „present moments“ / „moments of meeting“ (Stern 1998), „primäre Intersubjektivität“ (Trevarthen 1979) oder „dyadic states of shared consciousness“ (Tronick und Weinberg 1997) umschrieben wurden. Die intuitive Responsivität und das Spiegeln der Eltern ermöglichen dem Säugling, das was er ausübt, ausdrückt und empfindet, und das, was er sieht, fühlt und hört, als aufeinander bezogen zu erleben und zu speichern (Papousek 2007). Umgekehrt wird das elterliche Verhalten durch die Auslöse- und Rückkoppelungssignale des Kindes – Blickzuwendung, strahlende Augen, Lächeln, wohlklingende Gurrlaute oder Anschmiegen und Beruhigung in körperlicher Nähe – geweckt, reguliert und belohnt. Die positiven Antworten des Säuglings stärken zudem das elterliche Selbstwirksamkeitsgefühl und Selbstvertrauen in die eigenen Kompetenzen. Die Eltern fühlen sich im Spiegeln in ihr Baby ein und lernen, sein Verhalten aus Sicht seiner inneren Welt immer besser zu verstehen. Das System gewinnt in solchen Augenblicken Qualitäten von „Engelskreisen“ positiver Gegenseitigkeit (Papoušek 2004), eines biologisch verankerten wechselseitigen Belohnungssystems (Emde 1980; Papoušek und Papoušek 1983). Es sind beziehungsstiftende Schlüsselerfahrungen, die in Belastungssituationen als Schutzfaktor wirksam werden und therapeutisch genutzt werden können (Papoušek & Papoušek 1979).

Die frühen Augenblicke emotionaler Verbundenheit im Zwiegespräch bieten dem Säugling wichtige intersubjektive Lernsituationen, aus denen sich gegen Ende des ersten Lebensjahres bedeutsame soziale Kognitionsfähigkeiten und um die Mitte des zweiten Lebensjahres soziale Kompetenzen wie Empathie, Kooperationsfähigkeit und prosoziales Verhalten entwickeln.


„Engelskreise“ beim Schreien und Trösten

Das frühe Säuglingsschreien ist ein hochwirksames Alarmsignal, das auf Seiten der sozialen Umwelt akute Alarm-Stress-Reaktionen auslöst, Hand in Hand mit einer kaum zu unterdrückenden altruistischen Motivation rasch zu intervenieren, die Ursache zu beheben und das Baby in seiner Affektregulation zu unterstützen (Papoušek und Papoušek 1990). Das Gelingen der Kommunikation beim Umgang mit Belastungszeichen und Schreien des Säuglings in Situationen, die kindliche Stressreaktionen, Angst oder andere negative Affekte induzieren, hat eine adaptive Schlüsselfunktion beim Aufbau einer emotional sicheren Bindung und der emotionalen Regulationsfähigkeit und Stressregulation des Kindes (Zimmermann et al. 2000). Die konstitutionell angelegte Tröstbarkeit des Kindes trägt dazu ebenso bei wie die intuitive Bereitschaft und Fähigkeit der Betreuungsperson, die affektive Erregung, Belastung oder Ängste des Kindes wahrzunehmen, in sich aufzunehmen, aus Sicht des Babys zu verstehen und mit abgestimmten intuitiven Regulationshilfen abzumildern und ins Positive zu verwandeln.

Aus dem Zusammenspiel der kindlichen und elterlichen Prädispositionen in der vorsprachlichen Kommunikation entsteht ein dynamisches, aber in sich erstaunlich stabiles System, das die Entwicklung vorantreibt und fördert. Es erweist sich damit in der frühkindlichen Entwicklung und der Frühentwicklung der Eltern-Kind-Beziehungen als Schutzfaktor und Ressource. Unter günstigen Umständen kann eine gut funktionierende vorsprachliche Kommunikation anfängliche Anpassungsprobleme des Kindes oder der Mutter auffangen und kompensieren.


Biologische Verankerung des vorsprachlichen Kommunikationssystems

Das vielfältige Repertoire der beobachtbaren unwillkürlichen Anpassungen im Kommunikationsverhalten der Eltern oder anderer Bezugspersonen, die sich mit einem Baby verständigen möchten, wird im Konzept der intuitiven elterlichen Kompetenz zusammengefasst: Intuitive parenting als Ausdruck eines intuitiven, Impliziten, biologisch verankerten Kommunikationswissens (Papoušek & Papoušek 1987; 2000; Stern, 1998).

Die Annahme einer psychobiologischen Grundlage ließ sich zunächst indirekt durch kulturvergleichende Untersuchungen und den Nachweis einer erstaunlichen transkulturellen Universalität basaler elterlicher Kommunikationsmuster bekräftigen. Die Annahme einer biologischen Verankerung des vorsprachlichen Kommunikationssystems und seiner adaptiven Funktionen wurde inzwischen durch eine ganze Reihe neurobiologischer Forschungsarbeiten bekräftigt. Dazu gehören die neuroendokrinologischen Arbeiten zum Oxytocin als Bindungshormon (Uvnäs-Moberg 2007), Untersuchungen zur Beteiligung endorphinabhängiger und dopaminerger Belohnungssysteme, epigenetische Experimente zur Frühentwicklung der Stress-Regulationssysteme (Braun, Helmeke und Bock 2009), die neurobiologische Entdeckung der Spiegelneurone (Rizzolatti, Fogassi & Gallese 2001; Rizzolatti und Sinigaglia 2008) und Analysen von neuralen Mechanismen intuitiver Responsivität auf frühkindliche Auslösesignale (Parsons et al. 2017).




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